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Marit

Wenn Mitarbeiter schweigen, obwohl sie etwas zu sagen hätten

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Inhalt

Wenn Mitarbeiter schweigen, obwohl sie etwas zu sagen hätten

Schweigen wird in Unternehmen oft falsch verstanden.

Wenn niemand widerspricht, wirkt es schnell wie Zustimmung. Wenn keine Bedenken geäußert werden, scheint alles klar zu sein. Wenn Meetings harmonisch verlaufen, entsteht der Eindruck, dass Entscheidungen getragen werden.

Doch genau hier beginnt häufig das Problem.

Schweigen bedeutet nicht automatisch Zustimmung. Manchmal bedeutet es Unsicherheit, Vorsicht oder die Erfahrung, dass kritische Stimmen nicht wirklich willkommen sind.

Dieser Praxisfall zeigt, warum psychologische Sicherheit eine zentrale Voraussetzung für Verantwortung, Offenheit und wirksame Zusammenarbeit ist — und warum Führungskräfte den Gesprächsraum stärker prägen, als ihnen oft bewusst ist.

 

Ausgangssituation

Die IT-Leiterin eines Dienstleistungsunternehmens war irritiert.

In den monatlichen Bereichsmeetings verliefen die Diskussionen meist harmonisch. Projekte wurden vorgestellt, Entscheidungen getroffen, Fragen gestellt. Widerstand gab es kaum. Die Stimmung wirkte ruhig, professionell und konstruktiv.

Eigentlich hätte alles gut sein müssen.

Trotzdem häuften sich Probleme.

Wichtige Risiken wurden erst sehr spät sichtbar. Entscheidungen mussten korrigiert werden. Mehrere Projekte verzögerten sich, obwohl niemand zuvor Bedenken geäußert hatte.

Die IT-Leiterin formulierte es so:

„Im Meeting sind immer alle einverstanden. Zwei Tage später erfahre ich, warum etwas nicht funktionieren kann.“

Genau darin lag die zentrale Spannung.

Auf der Oberfläche herrschte Zustimmung.

Unter der Oberfläche gab es Zweifel, Bedenken und unausgesprochene Risiken.

Die eigentliche Frage lautete nicht: Warum sagen die Mitarbeitenden nichts? Sondern: Was hält sie davon ab, offen zu sprechen?

 

Die ersten Warnsignale

Besonders deutlich wurde die Dynamik bei einem Projekt zur Einführung eines neuen CRM-Systems.

Im Steuerungskreis wurde die geplante Umsetzung vorgestellt. Die nächsten Schritte waren vorbereitet, Zuständigkeiten geklärt und der Zeitplan abgestimmt. Alle Beteiligten stimmten zu. Niemand äußerte Einwände.

Für die IT-Leiterin war das ein gutes Zeichen.

Doch vier Wochen später stellte sich heraus, dass mehrere Fachbereiche erhebliche Bedenken hatten. Es gab technische Abhängigkeiten, operative Risiken und offene Fragen, die im ursprünglichen Meeting nicht angesprochen worden waren.

Das Entscheidende: Diese Bedenken waren nicht neu.

Sie waren bereits im Meeting vorhanden.

Sie wurden nur nicht ausgesprochen.

Risiken entstehen nicht nur dort, wo Menschen Fehler machen. Sie entstehen auch dort, wo Menschen wichtige Informationen zurückhalten.

 

Die sichtbare Ebene

Für die IT-Leiterin wirkte die Situation zunächst wie ein Problem mangelnder Offenheit.

Einige Führungskräfte sprachen von fehlender Verantwortung. Andere vermuteten mangelnden Mut oder fehlende Klarheit. Wieder andere interpretierten das Verhalten als Desinteresse.

Schließlich waren alle eingeladen worden, ihre Meinung zu äußern. Niemand war unterbrochen worden. Niemand hatte Kritik verboten. Niemand hatte gesagt, dass Einwände unerwünscht seien.

Und trotzdem wurden wichtige Punkte nicht angesprochen.

Je tiefer wir in die Situation einstiegen, desto deutlicher wurde:

Die Menschen hatten durchaus eine Meinung. Sie teilten sie nur nicht.

Das Problem war nicht fehlende Kompetenz.

Es war auch nicht fehlendes Interesse.

Das Problem lag tiefer: Viele Mitarbeitende waren sich nicht sicher, ob es wirklich sicher war, offen zu sprechen.

 

Die Frage, die alles veränderte

In einem Workshop stellte ich den Teilnehmenden eine einfache Frage:

„Wer von Euch hat schon einmal in einem Meeting etwas nicht gesagt, obwohl er oder sie Zweifel hatte?“

Nahezu alle Hände gingen nach oben.

Anschließend fragte ich:

„Aus welchem Grund?“

Die Antworten waren bemerkenswert ähnlich.

„Ich wollte die Diskussion nicht aufhalten.“

„Ich war mir nicht sicher.“

„Ich wollte nicht negativ wirken.“

„Der Bereichsleiter hatte sich bereits festgelegt.“

„Es schien sowieso schon entschieden.“

In diesem Moment wurde sichtbar, dass Schweigen nicht aus Gleichgültigkeit entstanden war.

Es war eine Strategie.

Eine Strategie, um keine Diskussion auszulösen. Um nicht schwierig zu wirken. Um nicht gegen eine bereits sichtbare Richtung zu sprechen. Um keine zusätzliche Reibung zu erzeugen.

Menschen schweigen selten, weil sie nichts zu sagen haben. Häufig schweigen sie, weil sie abwägen, ob es sicher ist, etwas zu sagen.

 

Die eigentliche Herausforderung

Im Verlauf der Gespräche wurde deutlich: Das Problem war nicht fehlende Meinung.

Das Problem war das wahrgenommene Risiko.

Viele Mitarbeitende hatten gelernt, dass kritische Fragen zwar nicht ausdrücklich unerwünscht waren — aber auch nicht wirklich willkommen wirkten.

Wer widersprach, musste häufig länger diskutieren.

Wer Risiken ansprach, wurde schnell als Bremser wahrgenommen.

Wer Probleme benannte, hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.

Wer eine andere Perspektive einbrachte, musste sie besonders gut begründen.

Niemand hatte gesagt:

„Äußert keine Kritik.“

Aber viele hatten gelernt:

„Es ist einfacher, nichts zu sagen.“

Genau hier beginnt fehlende psychologische Sicherheit.

Nicht immer sichtbar. Nicht immer laut. Nicht immer durch offensichtliche Ablehnung.

Manchmal entsteht sie durch kleine Erfahrungen, die Menschen immer wieder machen.

Psychologische Sicherheit fehlt nicht erst dann, wenn Menschen Angst haben. Sie fehlt oft schon dann, wenn Menschen beginnen, ihre Beiträge innerlich zu zensieren.

 

Was zusätzlich Öl ins Feuer goss

Besonders interessant war eine Beobachtung zur Wirkung der IT-Leiterin selbst.

Sie verstand sich als sehr offene Führungskraft. Sie wollte Diskussionen. Sie wollte unterschiedliche Perspektiven. Sie wollte, dass Risiken frühzeitig benannt werden.

Und genau das meinte sie auch ehrlich.

Gleichzeitig hatte sie die Angewohnheit, auf kritische Einwände sofort mit Gegenargumenten zu reagieren.

Nicht aus Abwehr.

Nicht aus Arroganz.

Nicht, weil sie andere Meinungen nicht hören wollte.

Sondern aus dem Wunsch heraus, schnell Lösungen zu finden.

Für sie war das konstruktiv. Wenn jemand ein Problem ansprach, wollte sie es direkt einordnen, lösen oder entkräften.

Für die Mitarbeitenden entstand jedoch eine andere Wirkung.

Viele hatten das Gefühl: Wer eine andere Meinung hat, muss sie verteidigen.

Und wer sich nicht sicher genug fühlt, verteidigt seine Meinung lieber gar nicht erst.

Die Absicht der Führungskraft war Offenheit. Die Wirkung im Raum war jedoch häufig Rechtfertigungsdruck.

Genau diese Differenz zwischen Absicht und Wirkung ist in Führung entscheidend.

Denn Menschen reagieren nicht auf das, was eine Führungskraft meint.

Sie reagieren auf das, was sie erleben.

 

Unser Ansatz

Gemeinsam arbeiteten wir an einer zentralen Frage:

Wie entsteht psychologische Sicherheit?

Nicht durch Leitbilder.

Nicht durch Appelle.

Nicht durch den Satz: „Ihr könnt jederzeit offen sprechen.“

Psychologische Sicherheit entsteht durch wiederholte Erfahrungen.

Menschen müssen erleben, dass kritische Fragen willkommen sind. Dass Einwände nicht als Störung betrachtet werden. Dass Zweifel nicht sofort wegargumentiert werden. Dass Fehler besprochen werden dürfen, ohne dass sofort Schuldige gesucht werden.

Deshalb arbeiteten wir daran, den Gesprächsraum bewusst anders zu gestalten.

Kritische Fragen wurden sichtbar wertgeschätzt.

Gegenmeinungen wurden aktiv eingeladen.

Unsicherheiten durften ausgesprochen werden.

Risiken wurden nicht sofort bewertet, sondern zunächst verstanden.

Führungskräfte lernten, weniger schnell zu überzeugen und mehr zu erkunden.

Statt sofort zu antworten, begannen sie häufiger zu fragen:

„Was macht Dich unsicher?“

„Welche Risiken siehst Du?“

„Was müssten wir bedenken, bevor wir entscheiden?“

„Wer sieht das anders?“

„Welche Perspektive fehlt uns gerade noch?“

Psychologische Sicherheit entsteht dort, wo Menschen erleben, dass ihre Perspektive nicht nur erlaubt, sondern wirklich erwünscht ist.

 

Was sich veränderte

Mit der Zeit veränderte sich die Qualität der Gespräche.

Nicht sofort. Und nicht dadurch, dass plötzlich alle immer offen sprachen.

Aber Schritt für Schritt.

In Meetings wurden Einwände früher geäußert. Fachbereiche brachten Risiken klarer ein. Entscheidungen wurden nicht immer schneller, aber tragfähiger. Die IT-Leiterin lernte, kritische Beiträge nicht sofort zu lösen, sondern zunächst Raum zu geben.

Auch die Mitarbeitenden begannen, ihre Verantwortung anders zu verstehen.

Sie merkten: Kritische Fragen halten nicht auf. Sie schützen vor späteren Problemen.

Einwände sind nicht automatisch Widerstand. Sie können ein wichtiger Beitrag zur Qualität einer Entscheidung sein.

Und Schweigen ist nicht neutral. Es hat Folgen.

Offenheit entstand nicht durch die Aufforderung, offen zu sein. Sie entstand durch die Erfahrung, dass Offenheit sicher war.

 

Die Erkenntnis

Menschen sprechen nicht dann offen, wenn sie etwas zu sagen haben.

Menschen sprechen offen, wenn sie glauben, dass es sicher ist.

Psychologische Sicherheit bedeutet nicht Harmonie.

Sie bedeutet nicht, dass alle einer Meinung sind.

Und sie bedeutet auch nicht, dass jede Diskussion angenehm ist.

Psychologische Sicherheit bedeutet, Risiken eingehen zu können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.

Das Risiko, eine andere Meinung zu äußern.

Das Risiko, einen Fehler zuzugeben.

Das Risiko, eine kritische Frage zu stellen.

Das Risiko, Unsicherheit sichtbar zu machen.

In Teams mit echter psychologischer Sicherheit wird nicht weniger kritisch gesprochen. Es wird früher, ehrlicher und konstruktiver gesprochen.

 

Was Führungskräfte daraus lernen können

Schweigen bedeutet nicht Zustimmung.

Harmonie ist nicht automatisch ein Zeichen guter Zusammenarbeit.

Menschen wägen ständig ab, ob es sich lohnt, etwas zu sagen.

Psychologische Sicherheit entsteht durch Verhalten, nicht durch Absichten.

Führungskräfte prägen den Gesprächsraum stärker, als sie häufig glauben.

Wer kritische Beiträge sofort relativiert, löst oder verteidigt, kann unbeabsichtigt Offenheit reduzieren.

Menschen sprechen eher offen, wenn sie erleben, dass ihre Perspektive nicht bewertet, sondern zunächst verstanden wird.

Gute Führung erkennt nicht nur, was gesagt wird. Gute Führung achtet auch darauf, was unausgesprochen bleibt.

 

Reflexionsfrage

Wo in Deinem Team interpretierst Du Schweigen möglicherweise als Zustimmung, obwohl sich dahinter Zweifel oder Bedenken verbergen?

 

Hinter jedem Schweigen steckt eine Geschichte

Menschen schweigen selten, weil sie nichts zu sagen haben.

Oft schweigen sie, weil sie nicht sicher sind, ob das, was sie sagen möchten, willkommen ist.

Vielleicht haben sie erlebt, dass Kritik anstrengend wird.

Vielleicht möchten sie nicht negativ wirken.

Vielleicht glauben sie, dass die Entscheidung ohnehin schon gefallen ist.

Vielleicht möchten sie niemanden bloßstellen.

Vielleicht haben sie gelernt, dass es einfacher ist, sich anzupassen.

Wer das versteht, beginnt anders zuzuhören.

Denn die größten Risiken in Organisationen entstehen häufig nicht durch das, was ausgesprochen wird.

Sondern durch das, was unausgesprochen bleibt.

Führung beginnt dort, wo Schweigen nicht als Zustimmung gewertet wird — sondern als Einladung, genauer hinzuhören.