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Marit

Wenn Silodenken stärker wird als die gemeinsame Verantwortung

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Inhalt

Wenn Silodenken stärker wird als die gemeinsame Verantwortung

Silodenken entsteht selten, weil Menschen nicht zusammenarbeiten wollen.

Häufig entsteht es, weil Menschen genau das tun, wofür sie sich verantwortlich fühlen: Sie schützen ihren Bereich. Sie vertreten ihre Ziele. Sie kämpfen für ihre Mitarbeitenden. Sie optimieren das, was in ihrer Verantwortung liegt.

Auf den ersten Blick ist das nachvollziehbar.

Doch wenn jeder Bereich vor allem für sich selbst optimiert, verliert die Organisation als Ganzes an Geschwindigkeit, Vertrauen und gemeinsamer Wirkung.

Dieser Praxisfall zeigt, warum Silodenken häufig kein Kommunikationsproblem ist — sondern ein Loyalitätsproblem.

 

Ausgangssituation

Der Geschäftsführer eines halbstaatlichen Unternehmens war frustriert.

Sein Führungsteam bestand aus erfahrenen Bereichsleitern. Jeder einzelne Bereich wurde professionell geführt. Die Ergebnisse stimmten. Die Führungskräfte waren fachlich stark, engagiert und in ihren Verantwortungsbereichen anerkannt.

Und trotzdem entstand immer häufiger Reibung.

Projekte verzögerten sich. Entscheidungen dauerten lange. Konflikte zwischen Bereichen nahmen zu. In Meetings herrschte scheinbar Einigkeit — doch danach begannen die Diskussionen erneut.

Der Geschäftsführer formulierte es so:

„Ich habe gute Führungskräfte. Aber ich habe kein Führungsteam.“

Genau darin lag die zentrale Herausforderung.

Die einzelnen Bereiche funktionierten.

Das Zusammenspiel nicht.

Die Organisation hatte starke Bereichsleiter — aber keine gemeinsame Führungsverantwortung.

 

Die ersten Warnsignale

Besonders deutlich wurde die Situation bei einem unternehmensweiten Digitalisierungsprojekt.

Vertrieb, Operations und Kundenservice sollten gemeinsam neue Prozesse entwickeln. Das Ziel war klar: Die Organisation sollte effizienter, kundenorientierter und besser vernetzt arbeiten.

Offiziell unterstützten alle Bereichsleiter das Vorhaben.

In der Praxis kam das Projekt jedoch kaum voran.

Entscheidungen wurden immer wieder verzögert. Jeder Bereich brachte nachvollziehbare Argumente vor. Jeder konnte erklären, warum bestimmte Anforderungen, Risiken oder Einschränkungen berücksichtigt werden mussten.

Der Vertrieb drängte auf Geschwindigkeit und Kundennähe.

Operations achtete auf Umsetzbarkeit und Prozessstabilität.

Der Kundenservice verwies auf die Auswirkungen im direkten Kontakt mit Kundinnen und Kunden.

Niemand sabotierte das Projekt.

Und trotzdem bewegte sich zu wenig.

Das Problem war nicht fehlender Wille. Das Problem war, dass jeder aus seiner eigenen Bereichslogik heraus handelte.

 

Die sichtbare Ebene

Die Beteiligten beschrieben die Situation sehr unterschiedlich.

Der Vertrieb warf den operativen Bereichen mangelnde Geschwindigkeit vor. Aus seiner Sicht wurden Chancen verpasst, weil Entscheidungen zu lange dauerten und Prozesse zu kompliziert gedacht wurden.

Operations wiederum beklagte unrealistische Anforderungen. Dort entstand der Eindruck, dass der Vertrieb Versprechen machte, die später kaum sauber umgesetzt werden konnten.

Der Kundenservice fühlte sich regelmäßig zu spät eingebunden. Viele Auswirkungen auf Kundinnen und Kunden wurden aus seiner Sicht erst dann bedacht, wenn Entscheidungen bereits fast getroffen waren.

Jeder hatte gute Argumente.

Jeder konnte seine Sicht plausibel erklären.

Jeder fühlte sich im Recht.

Und genau deshalb war die Situation so festgefahren.

Denn solange jede Perspektive für sich betrachtet wurde, wirkte sie berechtigt. Erst im Zusammenspiel wurde sichtbar, dass die Organisation in unterschiedliche Richtungen zog.

Nicht die einzelnen Argumente waren das Problem. Das Problem war, dass eine gemeinsame Perspektive fehlte.

 

Der Moment der Wahrheit

In einem Workshop stellte ich dem Führungsteam eine einfache Frage:

„Wenn Ihr heute eine Entscheidung trefft — für wen trefft Ihr sie zuerst?“

Die Antworten kamen schnell.

„Für meine Mitarbeitenden.“

„Für meinen Bereich.“

„Für meine Kunden.“

Alle Antworten waren nachvollziehbar. Keine war falsch. Und doch fehlte etwas Entscheidendes.

Erst nach einer längeren Pause sagte jemand:

„Eigentlich müsste die Antwort lauten: Für das Unternehmen.“

Plötzlich wurde es still.

Denn in diesem Moment wurde sichtbar, dass nicht mangelnde Kompetenz die Zusammenarbeit erschwerte, sondern unterschiedliche Loyalitäten.

Jede Führungskraft handelte aus Verantwortung.

Aber diese Verantwortung war vor allem bereichsbezogen.

Der Moment machte sichtbar: Alle wollten das Richtige tun — aber nicht alle meinten dasselbe Richtige.

 

Die eigentliche Herausforderung

Das Problem war nicht fehlende Kompetenz.

Das Problem war Loyalität.

Alle Bereichsleiter fühlten sich in erster Linie für ihren eigenen Verantwortungsbereich zuständig. Genau dafür waren sie über Jahre belohnt worden. Ihre Identität war eng mit ihrem Bereich verknüpft. Ihre Erfolge wurden bereichsbezogen gemessen. Ihre Ziele wurden bereichsbezogen definiert. Ihre Probleme wurden bereichsbezogen gelöst.

Das System hatte sie darauf trainiert, ihren Bereich gut zu führen.

Und genau das taten sie.

Doch nun erwartete die Organisation etwas anderes: bereichsübergreifende Verantwortung.

Hier entstand die eigentliche Spannung.

Die Organisation erwartete Zusammenarbeit. Das System belohnte Bereichsoptimierung.

Solange dieser Widerspruch nicht sichtbar war, blieb Silodenken ein scheinbares Kommunikationsproblem.

Dabei lag die Ursache tiefer.

Wenn Führungskräfte vor allem daran gemessen werden, wie gut ihr eigener Bereich funktioniert, ist es naheliegend, dass sie genau diesen Bereich schützen. Wenn Zielsysteme, Anerkennung und Verantwortung bereichsbezogen organisiert sind, entsteht gemeinsame Verantwortung nicht automatisch.

Sie muss bewusst entwickelt werden.

 

Was zusätzlich Öl ins Feuer goss

Besonders belastend war, dass viele Spannungen nie offen angesprochen wurden.

In Meetings wirkte das Führungsteam häufig professionell und sachlich. Entscheidungen wurden diskutiert. Argumente ausgetauscht. Kompromisse formuliert.

Doch nach den Meetings entstanden neue Gespräche.

In kleineren Runden. Zwischen einzelnen Bereichsleitern. In vertrauten Kreisen. Mit eigenen Teams.

Dort wurden Entscheidungen erneut bewertet, Zweifel geteilt und Interpretationen weitergegeben.

Aus unausgesprochenen Spannungen entstanden Annahmen.

Aus Annahmen entstand Misstrauen.

Aus Misstrauen entstand noch mehr Bereichsdenken.

Je länger die eigentlichen Konflikte unter der Oberfläche blieben, desto stärker wurde das Gefühl, dass die anderen Bereiche nicht wirklich mitziehen.

Wenn Spannungen nicht offen besprochen werden, verlagern sie sich in Nebengespräche. Und dort werden sie selten kleiner.

 

Unser Ansatz

Statt sofort Prozesse zu optimieren, arbeiteten wir zunächst am gemeinsamen Verständnis der Führungsrolle.

Denn das Problem lag nicht primär in fehlenden Meetings, unklaren Schnittstellen oder schlechten Abläufen.

Das Problem lag in der Frage, wofür dieses Führungsteam eigentlich gemeinsam Verantwortung trägt.

Im Mittelpunkt standen Fragen wie:

Wofür existiert dieses Führungsteam?

Welche Verantwortung tragen die Bereichsleiter gemeinsam?

Wo endet Bereichsdenken — und wo beginnt Unternehmensdenken?

Welche Entscheidungen treffen wir künftig nicht mehr nur aus Sicht einzelner Bereiche?

Welche Spannungen müssen offen besprochen werden, statt nach Meetings weiterzuarbeiten?

In mehreren Workshops wurden unterschiedliche Perspektiven sichtbar gemacht. Konflikte wurden nicht mehr nur als Störung betrachtet, sondern als Hinweis auf Zielkonflikte, unklare Verantwortung und unausgesprochene Erwartungen.

Zum ersten Mal wurden viele Themen offen ausgesprochen, die vorher nur in Nebengesprächen existierten.

Der entscheidende Schritt war nicht, schneller zu entscheiden. Der entscheidende Schritt war, Verantwortung neu zu verstehen.

 

Was sich veränderte

Mit der Zeit veränderte sich die Qualität der Zusammenarbeit.

Nicht, weil plötzlich alle Interessen gleich waren.

Nicht, weil Zielkonflikte verschwanden.

Und auch nicht, weil jeder Bereich seine eigene Perspektive aufgab.

Die Veränderung entstand dadurch, dass das Führungsteam lernte, diese Perspektiven bewusst zusammenzuführen.

Entscheidungen wurden stärker aus Unternehmenssicht betrachtet. Spannungen wurden früher angesprochen. Bereichsinteressen wurden nicht mehr versteckt, sondern transparent gemacht.

Dadurch wurden Diskussionen nicht immer einfacher.

Aber ehrlicher.

Und genau das machte sie wirksamer.

Die Bereichsleiter begannen zu erkennen, dass sie nicht nur Vertreter ihrer Teams waren, sondern gemeinsam Verantwortung für die Organisation trugen.

Aus einzelnen starken Führungskräften entstand Schritt für Schritt mehr Führungszusammenhang.

Zusammenarbeit wurde nicht dadurch besser, dass Unterschiede verschwanden. Sie wurde besser, weil Unterschiede offen besprechbar wurden.

 

Die Erkenntnis

Silodenken entsteht selten, weil Menschen nicht zusammenarbeiten wollen.

Es entsteht häufig, weil Menschen genau das tun, wofür sie sich verantwortlich fühlen.

Wenn Führungskräfte stärker an ihren Bereich als an das Unternehmen gebunden sind, entstehen zwangsläufig Zielkonflikte.

Dann wird jede Entscheidung durch die eigene Bereichslogik betrachtet.

Was für einen Bereich sinnvoll ist, kann für das Unternehmen als Ganzes bremsend wirken.

Was kurzfristig schützt, kann langfristig Verbindung verhindern.

Was lokal optimiert wird, kann an anderer Stelle Reibung erzeugen.

Silodenken ist oft kein Zeichen von Egoismus. Es ist häufig ein Zeichen falsch ausgerichteter Verantwortung.

 

Was Führungskräfte daraus lernen können

Gute Bereichsleiter bilden nicht automatisch ein gutes Führungsteam.

Silodenken ist häufig ein Loyalitätsproblem und kein reines Kommunikationsproblem.

Bereichsziele können unbeabsichtigt Zusammenarbeit erschweren.

Gemeinsame Verantwortung entsteht nicht automatisch. Sie muss bewusst entwickelt werden.

Spannungen verschwinden nicht durch Harmonie, sondern durch Dialog.

Führungsteams müssen klären, ob sie vor allem einzelne Bereiche vertreten — oder gemeinsam Verantwortung für das Unternehmen übernehmen.

Zusammenarbeit beginnt dort, wo Führungskräfte nicht nur fragen: Was braucht mein Bereich? Sondern auch: Was braucht die Organisation?

 

Reflexionsfrage

Wo optimiert Dein Führungsteam aktuell einzelne Bereiche, obwohl das Unternehmen eine gemeinsame Lösung benötigen würde?

 

Hinter jedem Silodenken steckt eine Geschichte

Die wenigsten Führungskräfte stellen ihre eigenen Interessen bewusst über die des Unternehmens.

Viel häufiger handeln sie aus Verantwortung für ihren Bereich, ihre Mitarbeitenden und ihre Ziele.

Genau darin liegt die Herausforderung.

Denn Organisationen werden selten durch mangelnde Kompetenz ausgebremst.

Sie werden ausgebremst, wenn gute Menschen in unterschiedliche Richtungen ziehen.

Wenn jeder Bereich für sich nachvollziehbar handelt, kann trotzdem eine Dynamik entstehen, die das Ganze schwächt.

Führung beginnt dort, wo aus Bereichsleitern ein echtes Führungsteam wird.

Und Zusammenarbeit beginnt dort, wo Menschen aufhören, nur ihren eigenen Bereich zu optimieren — und beginnen, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen.